Special: Weininsel Sardinien (Merum, Heft 03/2011)

Vermentino: Elegant und ausgewogen


Der Vermentino soll mit dem ungarischen Furmint verwandt sein und nicht wie häufig angenommen aus Spanien stammen. In Sardinien hat er jedenfalls Anbaubedingungen gefunden, die aus ihm die schönsten Eigenschaften herausholen. Dino Addis (Cantina Gallura): „Hier entfaltet diese Rebsorte ihren höchstmöglichen Ausdruck. Das Mikroklima und die Bodenbeschaffenheit sind einzigartig, und das findet sich in den Weinen wieder. Eine wichtige Rolle spielen auch die Winde. Jede Lage, jedes Tal und jeder Hügel der Gallura besitzen ein eigenes Klima.

Neulich hatte ich die Gelegenheit, Vermentino aus Australien und Kalifornien zu verkosten. Es sind gute Weine, aber keiner von ihnen besitzt diese ausgeprägte Mineralität, diese Salzigkeit, die besondere Frucht des Vermentino di Gallura.”

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Das Produktionsreglem nt erlaubt für den Vermentino di Gallura Erntemengen bis zu 10.000 kg Trauben pro Hektar, aber gerade in guten Lagen liegt die Menge einiges tiefer. Marianna Mura: „Die Hektarerträge liegen ziemlich niedrig, die alten Weinberge ergeben meist nur 5.000 Kilo pro Hektar. Unsere Weinberge bearbeiten wir so nachhaltig wie möglich, ohne unnötig einzugreifen. Dabei hilft uns, dass hier immer ein leichter Wind weht, der die Reben vor Feuchtigkeit und Rebkrankheiten schützt.”

Trotz des Alkohols bleibt der sardische Vermentino oft sehr elegant und ausgewogen. Dies und seine ausgeprägten Aromen verdankt der Gallura-Vermentino nicht zuletzt den ausgeprägten Temperaturschwankungen und dem für ein südeuropäisches Weinbaugebiet kühle Klima. Andrea Depperu (Cantina Depperu): „Die Weinlese beginnt bei uns meist erst Ende September, Anfang Oktober. Unsere Rebberge liegen auf 300 Metern, und auch in den Sommermonaten herrschen stets starke Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht.”

Orlando Tondini (Cantina Tondini): „Im September messen wir tagsüber noch über 30 Grad, und nachts sinkt die Temperatur dann auf vier Grad. Auch im Hochsommer sitzen wir am Abend nicht ohne Pullover draußen. In den Wintermonaten kann das Thermometer auch mal auf minus acht fallen. Bei der Arbeit im Weinberg blicken wir direkt auf den zweitgrößten Berg Sardiniens, den Limbara, mit 1359 Metern. Er ist bis März schneebedeckt.”

Der Vermentino verkauft sich gut Gianni Sanna: „Die Weinwirtschaft in der Gallura ist im Vergleich zum restlichen Sardinien stetig gewachsen. Und sie wächst noch immer. Die Anbaufläche der Gallura hat in den letzten zehn Jahren um 20 Prozent zugenommen. Dies, obschon es in der Gallura keine großen Flächen gibt. Die meisten Weinberge sind kleinparzelliert, manche sind kleiner als ein Hektar.” 1987, im Jahr vor der Einführung der Rodungsprämien, betrug die Weinbaufläche Sardiniens noch 64.000 Hektar. Weniger als die Hälfte, um die 31.000 Hektar, sind es heute.

In den großen Ebenen im Süden der Insel, zwischen Oristano und Cagliari, wurden früher Unmengen von Wein erzeugt, der im Tank in andere Weingebiete verschifft wurde. Viele der Kellereigenossenschaften haben mittlerweile dicht gemacht. Gianni Sanna: „Während sich die Rebfläche Sardiniens in den vergangenen 20 Jahren um mehr als die Hälfte verringerte, gab es in der Gallura keine Rodungen.“

Dino Addis: „Heute arbeiten alle Kellereien der Insel im Zeichen der Qualität. Sardinien hat zwar Rebfläche verloren, aber dadurch viel an Qualität gewonnen.” Gianni Sanna: „Trotzdem spüren unsere Mitglieder die Wirtschaftskrise, da die Traubenpreise gesunken sind. Es ist uns leider nicht möglich, die Trauben angemessen zu vergüten, auch weil die Produktionskosten stetig steigen. Momentan schwanken die Preise zwischen 75 Cent und einem Euro pro Kilo für den Vermentino di Gallura DOCG. Es gibt Kellereien im Süden Sardiniens, die für ihre Vermentino-Trauben ebenso viel zahlen. Nur können die Weinbauern dort den doppelten Hektarertrag ernten. Der Hektarverdienst unserer Weinbauern liegt bei rund 6000 Euro. Allein die Bearbeitungskosten liegen schon bei 4500 Euro.“

Besser scheint es den Winzern etwas weiter westlich, in Tempio Pausania, zu gehen. Dino Addis: „Unsere Winzer können sich über die Traubenpreise nicht beschweren. Für ein Kilo der besten Vermentino-di-Gallura-Trauben zahlen wir 1,42 Euro. Andere Kellereien liegen bei knapp 0,70 Euro. Dank der hohen Traubenpreise haben viele Mitglieder in eigene Keller investiert. Das ist sehr positiv, ich unterstütze die ehemaligen Mitglieder daher gerne bei ihrer Arbeit.” Orlando Tondini: „In den letzten Jahren sind viele kleine Kellereien entstanden. Viele davon wurden von ehemaligen Mitgliedern der Kellereigenossenschaften gegründet. Auch wir haben unsere Trauben früher in die Cantina Sociale gebracht. Viele Kollegen glauben, es sei einfach, Wein zu machen und dann mit eigenem Etikett zu verkaufen. Wir können zwar zufrieden sein, aber es ist nicht leicht, sich auf dem Markt einen Namen zu machen. Dennoch ist die Entstehung neuer, selbstvermarktender Weingüter sicher positiv, denn wo private Kellereien entstehen, gibt es Wohlstand und eine funktionierende Appellation.”

Während überall über Absatzschwierigkeiten geklagt wird, steigt die Beliebtheit des Vermentino. Vor allem des Vermentino di Gallura. Dino Addis (Cantina Gallura): „Der Vermentino di Gallura hat sich immer großen Zuspruchs erfreuen können. Eine wirkliche Krise haben wir nie erlebt.” Auch kleinere Produzenten wie Andrea Depperu bestätigen die Ausnahmesituation des Vermentino: „Die Rotweine sind etwas schwieriger zu verkaufen, aber der Vermentino hat einen so guten Ruf, dass keine Kellerei wirklich Probleme hat, den Wein zu verkaufen.” Gianni Sanna (Cantina del Vermentino): „Wir können sehr zufrieden sein, der Vermentino kennt keine Absatzprobleme. Die Konsumenten machen allerdings erst mal keinen Unterschied zwischen Vermentino di Sardegna und Vermentino di Gallura. Das kommt erst bei zunehmender Erfahrung mit diesem Wein.”

Mehr Informationen zum Vermentino finden sie unter http://www.onde.de/page/vermentino .