
Im Jahre 1909 veröffentlichte Filippo Tommaso Marinetti das Futuristische Manifest in der französischen Zeitung Le Figaro. Damit war der Grundstein für eine neue Strömung gesetzt, die sich in alle Bereiche der Kunst ausbreitete. Die Futuristen verherrlichten den Krieg, die Gefahr und die Technik und wollten alles Vergangene zerstören. Museen, Bibliotheken, antike Städte waren ihre größten Feinde. Und doch stehen futuristische Werke heute selbst in Bibliotheken und Museen und feiern ihr 100jähriges Bestehen. Das Jahr ist noch nicht alt, da gibt es bereits ein Jubiläum zu feiern. Eines noch dazu, das an eine Zeit erinnert, in der die italienische Kultur (und nicht nur sie) einmal so richtig aufgemischt wurde. Die Rede ist vom ersten Manifest des Futurismus, das am 20. Februar 1909 in der Pariser Zeitung Le Figaro erschien. Auf die französische Erstfassung des Gründungsmanifests folgen alsbald Übersetzungen, die die neue Bewegung in einer unvergleichlichen Propagandaaktion ganz Europa bekannt machen. Dass man sich noch lange daran erinnern wird, beweist nicht zuletzt der vorliegende Beitrag. Was aber ist der Futurismus, was verbirgt sich hinter dem Begriff? Movimento artistico politico svecchiatore, novatore, velocizzatore, creato da F.T. Marinetti a Milano nel 1909; auch als cultura 16 Zukunftsvisionen aus der Vergangenheit „Hass auf die Vergangenheit“ bezeichnet der Gründungsvater seinen Neologismus und meint es bitter ernst. Filippo Tommaso Marinetti (1876 – 1944) kommt als Sohn italienischer Eltern im ägyptischen Alexandria zur Welt, absolviert sein Abitur in Paris, studiert Jura in Pavia und Genua, lässt sich in Mailand nieder, übersetzt und imitiert symbolistische Lyriker, gründet Zeitschriften – nichts deutet zunächst darauf hin, dass sich dieser junge Mann, ein Jahrgangsgenosse Konrad Adenauers übrigens, zu einem Bürgerschreck entwickelt, zu einem der destruktivsten Widersacher jener bürgerlichen Kultur, der er selbst entstammt. Da stampft er eine neue ästhetische Bewegung aus dem Boden und schart binnen kurzer Zeit einen Künstlerkreis um sich, mit dem er alles, was der ehrwürdigen, etablierten borghesia heilig ist, für nichtig und unbrauchbar, ja zerstörungswürdig erklärt. In elf Thesen – in bewusster Vermeidung des Dezimal- und Duodezimalsystems – formuliert er einen Vernichtungsschlag gegen die gesamte ererbte Zivilisation: Er besingt die Liebe zur Gefahr, den Mut, die Rebellion, die Angriffslust und die Bewegung, die Geschwindigkeit, den impulsiven Enthusiasmus, die Aggression und die Gewalt, glorifiziert den Krieg und den Militarismus, die Technik der modernen Welt, und er ruft eine neue Ästhetik aus: “La magnificenza del mondo si è arrichita di una bellezza nuova: la bellezza della velocità”.
Roland Alexander Ißler, Bonn
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